Der Fussgänger

von Stephan Kirste

Sprecher: Joseph Lorenz, Schauspieler
Musik: Orlando Wanninger, Komponist

Der Fussgaenger

Ein Fußgänger kann seinen Schritt nicht finden, ausschreiten nicht wie er es gerne täte, sein Tempo nicht halten, erst gar nicht entwickeln.

In einer Horde Fußgänger ist er eingeklemmt und wird gegen sein inneres Wehren fast auf seinen Vordermann aufgeschoben.

Nach hinten sich Platz halten, wagt er nicht, er müsste sich umdrehen und die Arme zu Hilfe nehmen, aber er darf die Richtung, wohin er geht, nicht aus den Augen verlieren.

Übersicht halten, so schwer es ist, muss er, sonst verheddern sich seine Beine mit anderen.

Wie weit die Enge reicht, das erstolpert er.

Sein Blick sucht etwas festzuhalten. Umsonst. Was um ihn ist, bleibt in Bewegung. Nach vorne gereckt, kommt der Blick nicht weit. Hüpfende Köpfe versperren die Sicht.

Also konzentriert er sich auf das Unmittelbare vor sich. Der Rücken des Vordermannes, der ihn hinten hält, bietet ihm Ruhe, aber gerade ihn will er überwinden. Nur, Entgegenkommende lassen ihn nicht aus seinem Schatten treten. Wie viele das laufen, hat er vorher nicht erahnt.

Aber wie soll er sich an ihm nach vorne quetschen, selbst wenn das Vorbeisehen nicht gelingt?

Also den Blick nach unten nehmen, befiehlt er sich. Gefahrfrei laufen, verschafft eine kleine Atempause.

Aber der Fußgänger starrt zu sehr auf die Fersen, die sich ihm entgegen werfen, höher sich ihm entgegen werfen, je mehr er auf sie starrt, so dass er sich erschrocken in die Höhe strafft, als habe eine Ferse ihn getroffen und er sich zur Seite abwendet.

Ein nach vorne gehaltenes Gesicht hastet mit keinen Schritten neben ihm und wird gleich wieder weggerissen. Sein Verbleiben zu verfolgen ist keine Zeit, selbst sein Gesicht nach vorne halten muss er, um nicht nach hinten geschwemmt zu werden wie er. Ja, noch mehr auf seinen Vordermann rücken will er nun. Doch seinen Weg Kreuzende zwängen sich von der Seite dazwischen und sind verschwunden. Nur für ein Zusammenzucken waren sie da.

Sofort aufrücken und sein Gesicht nach nehmen, um seine Schritte abzustimmen, abdrängen lassen darf er sich nicht. Nein, aufschließen so nahe wie möglich, und sollte sein Atem mit seinem sich vermischen, Platz darf er nicht verschenken. Regelrecht ein angepaßtes Auflaufen wird von ihm verlangt.

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