Gejagt

von Stephan Kirste

Sprecher: Joseph Lorenz, Schauspieler
Musik: Orlando Wanninger, Komponist

Gejagt

Ich lief mir davon. Als ich zusammenbrach, stand ich breitbeinig vor mir. In die Arme mich nehmen, wollte ich nicht. Ich muss mich anbetteln oder liegenbleiben. Ich dachte nicht daran, mir hoch zu helfen, das sah ich.

Ich habe mich um Verzeihung angefleht, dann um Hilfe. Das schien mich nicht zu beeindrucken. Ich versuchte auf die Knie zu kommen und warf mich vor meine Füße  und schrie mich an. Ich stand weiter da, und tun wollte ich nichts für mich.

Das war gestern. Als die Nacht zu Boden sank und ihre Kälte zu mir kroch, bin ich mir doch um den Hals gefallen. Umschlungen hielt ich mich unter Tränen.

Heute ist es fürchterlich. So habe ich mich noch nie erlebt. Seit die Sonne scheint, hocke ich neben mir und werfe Steine nach mir, dazwischen halte ich die Lippen fest gepresst und mache mir Vorwürfe, das spüre ich genau und schaue bösartig zu mir herüber, das könnte ich Hass und Wut auf mich nicht länger zähmen.

Was habe ich mir angetan?

Mit einem Ruck stehe ich auf. Entschlossen komme ich jetzt auf mich zu. Auch ich springe auf. Ich bin schon fast bei mir, in einer Drohhaltung, die ich nicht an mir kenne. Was habe ich vor? Ich komme mir noch näher, jeden Schritt auskostend. Was will ich mir antun? Warum lasse ich mich nicht in Ruhe? Da, und ich bin fassungslos bei aller Angst, erhebe ich die Hand gegen mich. Was habe ich mir nur getan?

Den Schlag ausweichen kann ich erstaunlich wendig, und mühelos entschließe ich mich zur Gegenwehr. Das schon. Aber ich bin kraftlos. Vor Enttäuschung fast ohnmächtig.

Ich sehr mich nur undeutlich. Ich versuche mich zu treffen und schlage mit langen Armen um mich.

Doch ich rücke näher, ich wehre mich heftiger. Einen kurzen Moment sehe ich mich genau, dahin mache ich einen Schritt und schlage auf mich ein. Getroffen habe ich mich nicht, aber wenigstens halte ich mich mir vom Leibe. Ich drehe mich um und schlage in alle Richtungen.

Als ich endlich alleine bin, falle ich hin. Nur unter Mühen gelingt es mir am nächsten Tag aufzustehen. Mein Kopf hängt schwer vorn über, ihn heben kann ich nur mit Schmerzen. Obwohl ich ahne, was mir bevorsteht, erschrecke ich zu Tode. Ich war noch da.

Ein Sprung zur Seite rettet mich, und ich hetze davon. Mein Keuchen höre ich hinter mir. Mein Arm wird mich gleich erwischen. „Ich erwische mich noch“, schreit es ihn mir. Wenn ich meine Schulter zu fassen kriege und auf meinen Rücken mich werfe, knicken mir die Beine ein. Mein Gewicht zusätzlich zu meinem ist nicht zu ertragen.

Mein Keuchen verliert sich, und ich bin mir entronnen. Ich lasse mir Zeit und nehme mir vor, mir nie mehr in die Augen zu sehen, gehe langsam nach Hause, sinke ein wenig in Gedanken in mich ein.

Als ich ankam, stand ich vor mir. Ich erschrak. Ich aber grinste mich an. War ich mir schon immer überlegen? Und sofort machte ich Anstalten, mich erneut anzugreifen. Ich weiche zurück, ich stürze mich auf mich, ich wehre mich. Gut, dass ich den Kopf frei habe und mich ausschließlich auf mich konzentrieren kann. Dann packe ich mich und halte mich in Bedrängnis gegen die Wand, bis ich ruhiger werde. Ich gewinne die Oberhand, stürme über mich und reiße mich nieder. Ich schreie auf, ich falle auf mich, unter mir sehe ich mich an. Ich kämpfe, ich quäle mich, suche mich zu erwürgen. Es geht ums Überleben. Mit meinen großen Augen ziele ich weiter auf mich, hinterhältig unter mir. Da gebe ich auf.

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