Eingegraben

von Stephan Kirste

Sprecher: Joseph Lorenz, Schauspieler
Musik: Orlando Wanninger, Komponist

Eingegraben

Unser Land ist flach und weit. Wir aber schöpfen die Weite unseres Landes nicht aus und leben alle in einem Haufen. Wir, und wir sind in der Mehrzahl, haben diesen Ort noch nie verlassen, und wir werden ihn auch nie verlassen.

Wo wir uns eingraben können, da ist unsere Heimat, haben wir uns gesagt und uns augenblicklich eingegraben, oft genug in den Löcher unserer Vorgänger. Hier, wo wir unsere ersten Schritte taten, gelingt dies in der Regel ohne viel Aufhebens. Nur selten mussten wir geringfügig Änderungen in den Löchern vornehmen, kleine Vertiefung am Boden etwa oder zentimeterdicke Abschabungen an den Wänden. Viel mehr war nicht zu tun. Wir sind zwar nicht weit gekommen, dafür aber eingegraben.

Und nun das Erstaunliche:

Immer wieder machen sich einige aus unserer Mitte auf, allein oder mit dem Ehegatten und selbst manchmal mit den Kindern, um sich möglichst weit entfernt von uns einzugraben. Was sie fortlockt, ist uns unerklärlich. Vermutungen und Verdächtigungen flüstern wir uns zu, wenn der Abend kommt.

Sich hier eingraben, war richtig, geht es dann trotzig von Mund zu Mund. Hier eingraben!

Denn woanders besteht die Gefahr, niemals, und im ganzen Leben nie, eingegraben zu sein. Erst mal hier eingraben und später weiter vor!, so suchten wir uns zu beruhigen.

Das Loch zu wechseln, ist allerdings eine heikle Sache. Nicht nur, dass man das alte Loch verlassen müsste. Man müsste sich ins Ungewisse wagen, und man müsste die Entdeckung verkraften, dass mit zunehmender Entfernung die Löcher seltener werden. Das nämlich hat sich bis zu uns herumgesprochen und ist weit mehr als eine bloße Vermutung.

Hier bei uns gibt es ja genügend Löcher. Löcher zum Hineinfallen, Löcher zum Ausbauen, verdeckte Löcher zum Freilegen. Hier bei uns, da haben wir genügend Erde, ideale Erde, Erde für tausend Löcher.

In den anderen Gegenden ist das eben anders. Die wenigen Löcher, die es gibt, sind durchaus bewohnt. Man müsste ein Eigenes graben, obwohl der Grund immer fester wird, je weiter man gelangt, und immer härter. Endloses, flaches, steiniges Land.

Früher, noch in unserer jüngsten Vergangenheit, gab es Männer, die kräftig und rücksichtslos genug waren. ein Loch zu übernehmen, nach kurzen Kampf, oder es wurde ihnen freiwillig übergeben. Man ließ sie, aufgrund ihrer Stärke. Und dann: Um ein Loch sein Leben verlieren?, so fragten uns später die Verjagten, als sie zu uns zurückkamen.

Viel mehr war von ihnen nicht zu erfahren. Sie blieben, wo man sie aufnahm und sprachen nicht viel. Eines erfuhren wir doch. Etwas, was uns sehr verwunderte. Sollte da draußen der undenkbare Glücksfall eintreten, und man findet zufällig ein freies Loch, ein bei äußerster Zurückhaltung aller Ansprüche bewohnbares Loch, vollzieht sich anscheinend eine Umkehrung aller bisherigen Bestrebungen.

Wenn man soweit gekommen ist, will man nicht mehr ein Loch übernehmen. Ein schon Fertiges nur noch auswohnen? Nach der gewaltigen Anstrengung sich einfach fallen lassen?

Verlockender Gedanke. Aber unwiderruflich vorbei.

Es muß ein Eigenes sein. Eigenhändig freigelegt, und oftmals findet sich die Idee, die der Gestaltung eines Loches zugrunde liegt, erst mit dem Graben. Allerdings fehlt es an Werkzeugen, und die Hände sind das Graben nicht gewohnt. Die Hände der so weit Vorgedrungen am allerwenigsten, merkwürdigerweise.

Mit zunehmender Entfernung werden die Löcher kleiner und sind kaum in den Grund zu kriegen. Noch weiter vorne, und dann ist die Distanz zu uns beträchtlich, lassen sich nur noch Mulden graben. Und die sich in diesen Mulden einzurichten suchen, die sieht man schon von weitem. Auch das haben wir gehört. Tiefe ist da nicht mehr möglich. Wie verzweifelt müssen sie sein. Sie schmiegen sich heftig an die Erde und schaben mit ängstlichen Augen.

Es sei denn, es kommt jemand ganz nahe an ihnen vorbei. Dann ist nichts mehr zu machen. Soweit gekommen ist er wie wir, sagen sich die da vorne. Da brauchen wir uns nicht mehr zu verstecken. Und außerdem. Er hat noch alles vor sich. Entweder er gräbt hier bei uns, und dann können wir ihn beobachten, wie er sich abmüht, wie er scheitert, oder er geht weiter. Vielleicht um unbeobachtet zu sein. Vielleicht geniert er sich?

Irgendwie wäre man schon früher zufrieden gewesen, lautet ihre Klage. Aber man muss immer weiter als die anderen. An ihnen vorbei mit letzter Kraft, und man steht in der Einöde, und Kraft zum Eingraben fehlt. Obwohl der Grund immer mehr Kraft fordert, je weiter vor man gelangt. Das heißt: Eigentlich kann man sich in der Ferne nur noch hinwerfen. Ohne zu graben. Nicht unbedingt aufgeben. Erst mal Ruhe suchen, und ewig weiter kann man nicht. Und vielleicht, mit der Zeit, lässt sich hier doch ein Loch versuchen. Das Weiteste von allen und trotzdem ein genügend Tiefes.

So fest wirken Träume in ihren verhetzen Seelen. Aber zunächst liegen die da draußen wie hingeworfen. Man kann sie sehen, und sie können sich nicht schützen. Einfach, spät und müde vom Vordringen, wie umgefallen.

Anders als wir, die wir geblieben sind. Wir sind geschützt. Man sieht uns nur, wenn man über den Rand unserer Löcher seinen Kopf bringt und tief schaut.

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