Ein Traum liegt über der Welt

von Stephan Kirste

Sprecher: Joseph Lorenz, Schauspieler
Musik: Orlando Wanninger, Komponist

Ein Traum liegt ueber der Welt

Abrollen, das ist das Wichtigste. Nur wenn wir richtig gehen können, können wir weit schauen. Sonst blicken wir nach unten. Denn die geringste Unebenheit kann unseren Fuß verletzen, wenn wir das Gehen nicht beherrschen. Aber meistens halten wir unsere Füße geschützt, dann schlurfen wir.

Abrollen ist das Wichtigste. Sonst setzen wir platt auf und unsere Ferse bohrt sich in den Boden. Dann die Füße parallel halten, um das Rückgrat nicht einzuklemmen. Der Bauch muss sich selbst halten, sonst muss das Rückgrat das übernehmen und verspannt. Nicht der Rücken ist gewölbt, sondern die Brust. Die Wölbung nach vorne richten. Die Gefahr kommt nicht von hinten. Von vorne, wohin, wohin wir drauflos gehen. Gehen wir richtig, gibt es keine.

Die Brust, sie muss sich heben, das Gewicht von den Füßen nehmen, sonst muss wieder das Rückgrat dafür einstehen. Es wird krumm und biegt sich nach hinten aus. Obwohl es uns hält, müssen wir es einbetten.

Der Hals ist gestreckt. Der Kopf darf nicht nach vorne fallen, sonst verdeckt er die Brust, die sich nach innen zurückzieht. Der Kopf will nie vor die Brust fallen. In einer Linie gedacht, lässt der Kopf der Brust den Vortritt.

Also der Kopf ist nicht nach vorne gereckt. Er kennt nichts, wogegen er anrennt. Wir leisten es uns, ihn etwas zurück zu nehmen. Weil er übersieht und hinlenkt, wo der Körper gefahrlos laufen kann.

So kommen wir zu den Augen. Sehr wichtig. Sie sind weit geöffnet, aber sie staunen nicht. Sie blicken dahin, wo Himmel und Erde sich berühren, das haben wir nicht vergessen. Darunter nie. Sie sind nicht nervös, liegen ruhig, sie können mal wegschauen, brauchen nicht starr zu sein, das nicht, ohne gleich die Richtung zu verlieren. Das ist wichtig, wenn uns einer entgegen kommt. Wir können ihn anstarren und trotzdem weiter gehen. Selbst den Kopf können wir nach ihm drehen, zunicken auch. Zunicken ist immer besser, als sich an der Blickebene fest zu halten. Stehen bleiben, die Hand geben, das ist noch zu schwer. Dabei kommen die Beine nicht aus dem Tritt.

Ja, die Beine. Sie werden nicht steif nach vorne geschoben, da die Füße ja abrollen. Außerdem wird nicht aus der Hüfte gegangen, sondern das ganze Bein geht.

Weiter zum Blick. Die Richtung ist klar. Nach vorne. Auch wenn wir uns nach dem gedreht haben, der entgegen kam. Dann fassen wir unsere Richtung wieder ins Auge. Ohne Eile natürlich. Nur wir bewegen uns, alles andere nicht. Nichts rennt uns weg, nein, es wartet geduldig, bis wir es wieder aufnehmen.

Aber täuschen wir uns nicht. Nur wenn wir lange das geschaut haben, wohin der Körper sich gewendet hat, können wir, dann erst, zur Seite schauen. Wenn wir wollen. Aber es bietet uns in der Regel wenig. Nach hinten nie. Man muss schon sehr geübt sein dazu, nach hinten sehen und weiter nach vorne gehen.

Es ist auch nicht nötig. Was dort ist, das kennen wir. Da kommen wir her. Das vergessen wir nicht. Wie gesagt, man muss geübt sein, Erfahrung haben, später vielleicht.

Die Ohren. Sie hören alles. Nicht angestrengt, so gut sind sie. Was sie hören, nehmen sie auf. Wir müssen auch nicht sofort dahin blicken, woher gehört wird. Denn geredet wird überall.

Der Mund. Was er sagt, meint er. Er schweigt mehr, als wir das bisher kennen. Dabei sind die Lippen nicht aufeinander gepresst. Wir haben nichts, was gehalten wird. Deswegen ist das Pressen der Lippen nicht nötig. Also, der Backenknochen, der steht nie heraus. Beißen wir die Zähne fest, dann kommt er heraus und wird hart. Meistens werden die Lippen noch verzogen und bekommen Falten von oben nach unten. Nein, das alles nicht. Das Gesicht ist glatt, weiß sich getragen und kennt keine Gefahr.

Arme, Hände, natürlich, umrahmen den Körper. Weniger massiger, mehr im Detail ausgeprägt, ziehen sie die Schulter nicht um den Hals. Die Arme können machen, was sie wollen, wenn sie die gesamte Erscheinung nicht stören. Kleine Gesten nur, zu großen haben wir noch keinen Grund.

Fassen wir zusammen.

Wir sind leichter, pressen und nicht auf die Erde. Eher hängt das Bein in der Hüfte. Der Po ist straff, will tragen helfen, nicht nur Gewicht sein. Der Bauch ist unsere innere Säule und sucht mit dem Rückgrat sich zu verbünden. Darüber wölbt sich die Brust, gibt dem Hals den Halt, auf dem der Kopf sich zurücknimmt. Die Augen erfassen, was sie sehen wollen. Nicht seitlich. Gerade. Das gesamte Gesicht wendet sich dem zu. Fertig. Da steht er. Fertig.

Ich sehe ihn. Seine Augen, ja, sie erfassen uns. Sein Gesicht wendet sich uns zu. Was ich eben sagte, es geschieht. Er schaut auf uns und meint uns. Wir aber brauchen keine Angst zu haben. Er macht uns keinen Vorwurf. Er empfindet viel, ist verschlossen, ist nicht verlogen, ist traurig, das tut uns gut. Er blickt, wir fühlen uns verstanden, fühlen uns verloren. Er blickt, wir können zurück blicken, unseren Blick heben, seinen erwidern. Er weiß es, wir wissen es. Wir haben Mühe zu schaffen, was wir uns vornehmen. Er blickt streng, verletzt uns nicht. Er zeigt uns, wie wir blicken sollen. Wir können es nicht und sind ihm dankbar. Denn seinen Blick vergessen wir nicht. Langsam wird er in uns wachsen.

Ein Traum liegt über der Welt. Seht ihr ihn?

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