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eBook Leseprobe vom Hörspiel (Hörbuch mit Musik) Bis Weihnachten ein Zuhause (Namis Traum)

 

DER TRAUM

CD1-01. Der Traum

Ein roter Heißluftballon schwebte in dreitausend Meter Höhe über der Antarktis. Weit unten in der Tiefe schimmerte das ewige Eis, und in der Ferne glitzerten Gletscherberge in der Sonne.eBook "Bis Weihnachten ein Zuhause"

Ein Pinguin stand mit seinen Watschelfüßen auf dem Rand des Ballonkorbes und hielt sich mit den Flügeln an den Seilen fest. „Ich fliege, ich fliege!“, schnatterte er aufgeregt gegen den Wind.

Neben dem Pinguin war ein Hund. Der Hund hieß Nami. Er sah den Ballonfahrer mit verliebten Augen an und dachte: ‚Wir sind die besten Freunde auf der ganzen Welt‘. Und der Mann streichelte ihn und sagte, als könne er die Gedanken des Hundes erraten: „Niemals würde ich dich weggeben. Wir bleiben immer zusammen und vertraut.“

 

IM TIERHEIM

CD1-02.a Im Tierheim

Der Hund Nami bellte laut auf in seinem Traum, weil er so glücklich war. Dann wachte er auf, streckte alle Viere von sich und gähnte. Er lag auf dem kalten Boden einer Hundezelle im Tierheim. Sie war zwei Meter mal drei Meter groß, also ziemlich klein.

Der Mond schaute durch das kleine Fenster in die Zelle hinein. Nami, der schwarz-weiße Mischlingshund, betrachtete nachdenklich die Maus, die vor ihm saß und seine beste Freundin war.

Nach langem Schweigen sagte Nami: „Du, ich muss dir was sagen, was mir nicht leicht fällt.“

„Mir kannst du alles sagen“, hauchte die Maus und war sehr berührt, dass Nami ihr ein Geheimnis anvertrauen wollte.

„Es wird der Tag kommen“, sagte Nami still und schob sanft mit der Pfote die Maus an seine Schnauze, dass es aussah, als wolle er ihr einen Kuss geben, „da wirst du ohne mich sein.“

„Niemals, ich bleibe immer bei dir“, bestimmte die Maus.

***

CD1-02.b Im Tierheim

„Weißt du noch, wie schön es ist, über Wiesen zu laufen, wie Blumen duften?“, fragte Nami, und seine Stimme klang traurig.

„Ja, das wäre schön“, bellte Floh auf. „Wo ich gelebt habe, auf dem Bauernhof, da waren viele Wiesen.“

Nami blickte weiter in die Ferne. „Mit ein bisschen Glück könnten wir einen finden.“

Aufgeregt sprang Floh um Nami herum. „Was denn? Einen echten Bauernhof?“

„Ja, einen Hof mit vielen Tieren“, sagte Nami.

Floh schaute ihn neugierig an. „Mit Enten?“

„Ja“, meinte Nami.

„Kaninchen auch?“, fragte Floh.

Und als Nami sagte: „Ja, auch mit Kühen und Pferden“, war Floh glücklich.

 

DER PLAN

CD1-03. Der Plan

„Machst du mit?“, fragte Nami und schaute ihn mit ernsten Augen an: „Sag es mir bitte auf der Stelle. Ich möchte mich auf dich verlassen.“

„Das kannst du, das kannst du“, jubelte Floh. „Bitte verlasse dich auf mich.“

„Treffen wir uns also hier an diesem Baum“, schlug Nami vor, „morgen vor Sonnenaufgang.“

„Ja. Und Enten auch, soll so sein wie früher.“ Floh gingen die Enten einfach nicht aus dem Kopf.

„Wie früher“, bestätigte Nami. „Also vor Sonnenaufgang. Und verschlaf nicht.“

„Nein, nie“, protestierte Floh, „was denkst du von mir?“

„Also abgemacht“, sagte Nami, und beide Hunde gaben sich die Pfote wie zu einem Ehrenwort.

Sie gingen dann auseinander, und Floh drehte sich noch einmal um, weil er sehr besorgt war: „Aber manche Bauern haben keine Enten mehr.“

„Wir suchen so lange“, beruhigte ihn Nami, „bis wir sie gefunden haben, deine Enten.“

DIE BEGEGNUNG MIT DEM ZIRKUSPFERD

CD1-05. Die Begegnung mit dem Zirkuspferd

Nami lief in der aufgehenden Morgensonne einsame Wege entlang, zwischen gelben Rapsfeldern, die in der Sonne leuchteten. Es war ja ein guter Sommer. Er lief in den späten Nachmittag hinein, bis die Pfoten schmerzten und am Himmel Gewitterwolken aufzogen.

Plötzlich blieb Nami stehen und spitzte die Ohren. Was hörte er da? Ein Lied? Oh ja, gesungen von einer gewaltigen Stimme. Und das Lied drang immer lauter an seine Ohren.

„Bin Clown,

bin abgehaun,

aus dem Zirkuszelt,

bring Lachen in die Welt“

Immer lauter wurde das Lied: „Bin Clown, bin abgehaun, aus dem Zirkuszelt, bring Lachen in die Welt“. Der gelbe Raps verdeckte Nami die Sicht. Erst da, wo die beiden Wege sich kreuzten, sah Nami, wer da sang.

Ein braunes Pferd zockelte des Weges daher, hatte ein Zirkuskostüm an, eine silbern glänzende Jacke mit bunten Perlen bestickt. Auf dem Kopf wackelte ein alter Schlapphut mit Löchern, aus denen die Ohren herausschauten. Eine rote Krawatte wehte um seinen Hals. Kostbare Lackschuhe steckten an seinen Hufen, und ein junger Adler hockte auf dem Sattel. Beide waren guter Laune und sangen aus vollem Hals das Lied, das sich das Pferd ausgedacht hatte.

Sobald sie Nami entdeckten, wieherte das Zirkuspferd: „Brrrr“, blieb brav stehen und verbeugte sich vor ihm: „Wir dürfen uns vorstellen: Zweite Hauptattraktion nach den Tigern im Zirkus Brunelli, Clown, Spezialist für gute Laune, natürlich auch Künstler.“

AUF DEM BAUERNHOF

CD1-06. Auf dem Bauernhof

Gleich bei seiner Ankunft erzählte er den Kühen im Stall, dass er am nächsten Morgen in der Früh aufbrechen müsse, weil er noch einen weiten Weg vor sich hätte. Die Kühe nickten ihm zu. Gemeinsam mit einer dicken Kuh, die ständig sagte ‚Dick ist schön‘, schoben sie für Nami ein Bett aus Stroh zusammen, während ein mausgraues Rennpferd das Zirkuspferd von Kopf bis Fuß betrachtete: „Also ein Rennpferd bist du nicht, stimmt‘s? So wie ich.“ Und es meinte damit, dass das Zirkuspferd ein wenig dick war.

„Nein, ich arbeite im Zirkus. Bin Akrobat“, antwortete das Zirkuspferd.

„Akro… was?“, fragte das Rennpferd.

„Akrobat!“, wiederholte das Zirkuspferd geduldig und erklärte, „Ich springe durch Feuerreifen und balanciere Melonen auf dem Kopf. Und Bälle. Hilft auch, wenn man Kummer hat.“

„Ich habe keinen Kummer, mir geht‘s hier gut“, strahlte das Rennpferd und schaute freundlich.

„Probier es trotzdem mal!“, meinte das Zirkuspferd und lächelte, als es sah, wie das Rennpferd einen alten Lederball aus dem Heu wühlte.

„So schwer kann es ja nicht sein.“ Schon flog der erste Kopfball des Rennpferdes gegen das Fenster, das mit lautem Krachen zersplitterte. Da wehten von draußen Stimmen herein, die Stimme vom Bauer und von einem Mann, der Pferde kauft.

„Hör mal zu, so geht das nicht“, sagte der Mann, der Pferde kauft, zu dem Bauer. „Seit Monaten zahlst du deine Pacht und auch das Futter nicht.“

DIE SCHIFFSFAHRT NACH KANADA

CD1-08. Die Schiffsfahrt nach Kanada

Als spät in der Nacht der Koch mit einem Schnitzel in der Hand seine Kabine betrat und den schlafenden Hund betrachtete, der seine Augenlider hochzog und gegen das Licht blinzelte, setzte er sich zu ihm auf die Bettkante.

„Bin Johann, bin alt, gehe bald in Rente. Weißt du, ich hab ein Häuschen am Meer, nicht weit von Rotterdam. Kochen kann ich gut, was hältst du davon, morgens Ei mit Haferflocken, nachmittags Hackfleisch in Sahnesauce und abends Gemüse – mit Speck natürlich. Was hältst du davon, wir gehen zusammen in Rente und schauen übers Meer und lassen es uns gut gehen! Abgemacht?“ Der Koch war voller Hoffnung, dass der Hund seinen Vorschlag annehmen würde. Aber der dachte an seinen besten Freund und stellte sich schlafend.

„Lass dir Zeit mit dem Überlegen“, flüsterte der Koch und deckte den Hund mit seiner Decke zu und kuschelte sich an ihn. „Würde mich freuen“, meinte er noch, schlief ein und schnarchte selig vor sich hin.

DIE KATZE IM HAFEN

CD1-09. Die Katze im Hafen

Tage später lief das Schiff an der Ostküste von Kanada in einen Hafen ein. Nami schleckte dem Koch über dessen vernarbte Seefahrerhände, was ja für Hunde ein Zeichen der Dankbarkeit ist. Sobald die Gangway angedockt war, lief Nami die Treppe hinunter. Unten am Kai wandte er sich um. Der Koch stand oben an der Reling und winkte ihm zu und murmelte: ‚Viel Glück‘. Eine Träne lief über sein wettergegerbtes Gesicht. Er schämte sich aber nicht und winkte solange, bis Nami bei den Frachthallen außer Sicht kam.

Hier am Hafen trieb sich Nami herum und wartete tagelang auf ein Schiff Richtung Arktis. In einer vernebelten Nacht begegnete er einer Hafenkatze, die ihm den Rat gab: „Spar dir die Mühe. In der Arktis gibt es keine Pinguine, Eisbären ja.“

Die Enttäuschung war riesengroß. Aber Nami wollte sich nichts anmerken lassen und trotzte: „Klar gibt es die!“

„Bedauere“, lächelte die Katze, und Nami setzte zu einem Verhör an: „Sind da Gletscher?“

„Ja“, gab die Katze bereitwillig Auskunft.

„Und ist es immer kalt?“, setzte Nami nach.

„Ja“, sagte die Katze schon unwilliger.

„Wenig Menschen?“, fragte Nami und blieb hartnäckig.

„Ja“, sagte die Katze und wollte am liebsten einfach weggehen.

„Also gibt es da auch Pinguine und Eisbären“, atmete Nami auf, „hat mein Freund erzählt, und der ist Forscher und weiß alles.

Jetzt wurde die Katze ärgerlich vor Ungeduld: „Nochmal: Pinguine keine, Eisbären ja.“

Aber Nami gab nicht auf: „Warst du schon mal dort?“

Die Katze schüttelte den Kopf, mit einer Verachtung, als wäre Reisen eine Schande.

„Eben“, triumphierte Nami, „dann kannst du es auch nicht wissen.“

„Zum allerletzten Mal“, fauchte die Katze und plusterte sich auf vor Zorn: „In der Arktis gibt es Eisbären, und wo es Eisbären gibt, leben keine Pinguine. Wer was anderes sagt, spinnt.“

Doch Nami ließ sich nicht abhalten, wartete weitere feuchtkalte Nächte auf ein Schiff und bestieg es dann, als es endlich im Hafen eingelaufen war. Er hörte nicht hin, als die Katze verächtlich fauchte, „Hunde…“

DIE ROBBE UND DER EISBÄR

CD1-10. Die Robbe und der Eisbär

Nach der Karte zu urteilen, ist Nami in der Arktis an Land gegangen. Was er während der langen Fahrt auf dem Schiff der kanadischen Fisch-Fang-Flotte erlebt und gedacht hat, ist bislang nicht bekannt.

In der Arktis blies kalte, klare Luft über das Eis. Die Sonne schien, gab aber keine Wärme ab. Eisfelsen standen an der Meeresküste.

Nami entdeckte eine Robbe und lief auf sie zu. „Gibt‘s hier Eisbären?“, rief er von weitem.

„Wo?“, erschrak die Robbe: „ Bin froh, wenn ich keine sehe. Warum fragst du?“

„Weil da, wo die sind, keine Pinguine leben, hab ich gehört.“

„Eisbären“, röhrte die Robbe, „haben wir hier, leider leider, weiter die Küste entlang. Pinguine? Wo? Bei uns?“ Und die Robbe brüllte ihr Robbenlachen, das so klang, als hätte sie ständig Halsweh: „Wir sind hier am Nordpol, mein Junge.“

 

AM ÄQUATOR – DER UNTERGANG

CD1-11. Am Äquator – Der Untergang

Keiner weiß es, wie Nami auf eine Segelyacht gekommen ist. Ungefähr südlich des Äquators, es war Freitag, der 13 Mai, 12 Uhr Mittag, ist die Segelyacht mit Nami an Bord in einem Orkan gekentert.

Der Sturm war zu stark, der Motor des kleinen Rettungsbootes zu schwach. Sie erwischten ihn noch einmal und packten ihn am Fell. Doch er rutschte ihnen aus der Hand, und der Sturm riss sie weit auseinander. Einer der Segler schrie laut gegen den Wind an und versprach, dass er den Hund suchen werde, wenn der verdammte Sturm vorbei sei. Es war der Segler mit der Narbe an der Stirn. Er warf für Nami eine Schwimmweste auf das aufgewühlte Wasser. Daran klammerte sich der Hund und trieb allein im Ozean.

Zwei Tage und eine furchtbar lange Nacht. Er hustete und spuckte das Salzwasser aus, das immer wieder über ihn kam, dachte, dass alles aus sei und er sein Leben hier im nachtschwarzen Wasser, das unendlich war und weiter als der Horizont reichte, aushauchen würde. Dass er seinen besten Freund nie mehr sehen würde, und das schmerzte ihn mehr als der Gedanke an einen baldigen Tod. So sind Hunde.

DER KLEINE ELEFANT

CD1-12. Der kleine Elefant

Als es dunkel wurde und Sonne und Mond den Platz am Himmel tauschten, ein klarer Sternenhimmel aufleuchtete, legten sich Nami und der kleine Elefant zum Schlafen unter einen Baum. Der kleine Elefant kuschelte sich eng an Nami und legte seinen Rüssel zärtlich auf Namis Bauch: „Die Maus hatte tatsächlich Angst, dass ich ihr auf den Kopf treten könnte“, lachte still der kleine Elefant.

Und Nami flüsterte: „Das könnte dir nie passieren.“

„Nee“, trompetete der kleine Elefant, „So klein bin ich nicht.“

Wie von schwerer Sorge befreit, schmiegte sich der kleine Elefant noch enger an Nami und schloss die Augen. Nach einer Weile stupste er mit dem Rüssel Nami an: „Schläfst du schon?“

Und Nami, der schon beinahe eingeschlafen war, wachte wieder auf und meinte so im Halbschlaf: „Nein, bin noch wach.“

„Bleibst du bei mir?“, fragte der kleine Elefant ängstlich. „ Einen Freund hatte ich noch nie.“

„Jetzt hast du einen“, meinte Nami und schlief wieder ein.

Mitten in der Nacht wachte der kleine Elefant noch mal auf und sang vor sich hin: „Ich bin klein, aber nicht allein.“

Für einen kurzen Moment öffnete Nami die Augen, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

 

ANKUNFT IN DER ANTARKTIS

CD1-19. Ankunft in der Antarktis

Ein Blick auf die Weltkarte und man sieht die Reiseroute. Nami ist von der Palmeninsel in den Subtropen zum Festland Argentiniens gereist, dann weiter in die Antarktis. Wie er das geschafft hat, weiß niemand. Einmal Umsteigen in einem Schiffshafen irgendwo an der argentinischen Ostküste oder bei den Falkland Inseln, dort auf ein Versorgungsschiff, und nach fünf Tagen erreichte er den Südpol Temperatur: knapp über 0 Grad, Sonnenschein.

Das Polarschiff legte in einer kleinen Hafenbucht an der weiten Eisküste der Antarktis an. Ein paar kleine bunte Häuser, sonst gab es nichts.

Nami sprang an Land und lief los. Zwei Matrosen an der Reling winkten ihm nach.

„Wo will der hin“, fragte der eine. „Ach, lass ihn“, sagte der andere. „Schau mal, dahinten, vor der Südspitze liegt das Wrack mit dem Schatz. Ein Tauchgang, und du bist so reich wie die Königin von England.“

„Aber wir fahren noch heute zurück“, sagte der Matrose, „Befehl vom Käpt’n.“

Und der andere Matrose fügte sich und sagte: „Dann halt im nächsten Jahr.“

Und beide sangen laut vor sich hin: „Oh wie gut, dass niemand weiß, unser Schatz, der liegt im Eis.“

BEGEGNUNG MIT EINEM FORSCHER

CD1-21. Begegnung mit einem Forscher

Am nächsten Morgen tauchte die Sonne die weiten Schneefelder in ein glitzerndes Licht. Nami steckte seinen Kopf aus dem Iglu und was er sah, verschlug ihm den Atem: Direkt vor seiner Nase, hundert Meter neben dem Iglu, stand die kleine Forschungsstation, bestehend aus ein paar Kisten aus Aluminium mit Schornstein. Darüber schwebte ein roter Heißluftballon.

Nami bellte seine Freude laut in die Welt hinaus und jagte in herrlichen Sprüngen der Station entgegen.

Ein Forscher hantierte an einem Heißluftballon herum. Offensichtlich bereitete er eine Fahrt mit dem Ballon vor, überprüfte die Fluginstrumente und den Brenner. In seiner Statur ähnelte er Namis bestem Freund. War er es, oder war er es nicht? Nami stürmte auf ihn los und sprang ihn mit einem freudigen Winseln an, so dass der Mann mit dem Gesicht in den Schnee fiel.

„Warum so stürmisch?“, fragte der Mann auf eine ruhige Art und wischte sich den Schnee aus dem Gesicht. Da erkannte der Hund, dass er sich geirrt hatte. Er wich ein paar Schritte zurück und setzte sich auf die Hinterläufe.

Mit freundlichem Blick sah er den Forscher an und wartete auf ein gewaltiges Donnerwetter, das jetzt einsetzen würde. Doch seine Sorge erwies sich als unbegründet.

Der Mann stand auf, klopfte den Schnee von der Kleidung und streckte Nami die Hand entgegen, als wolle er ihn mit Handschlag begrüßen: „Conny Lorenz. Womit kann ich dienen?“

Die freundliche Geste nahm Nami wie eine Einladung auf. Er lief zum Ballon, betrachtete ihn von oben bis unten. Dann umlief er den Korb, sprang hinein und schnüffelte jeden Zentimeter ab, in der Hoffnung, eine Spur seines besten Freundes einzuatmen. Aber er fand nichts.

„Na, gefällt dir der Ballon?“, fragte der Forscher stolz. „Neuestes Modell, vier Meter Steigen in der Sekunde, Tragfähigkeit: Fünf Personen. Und? Schon mal geflogen?“

BALLONFAHRT ÜBER DIE ANTARKTIS

Der rote Ballon stieg in den Himmel. Es wurde ein herrlicher Flug über das ewige Eis. Bis in die Höhe von dreitausend Meter stiegen sie auf, flogen über das kaltblaue Meer, und in der Ferne glitzerten die Eisberge in der Sonne. Der Pinguin stand auf dem Rand des Ballonkorbes und hielt sich mit den Flügeln an den Seilen fest. Und rief: „Hurra, ich fliege, ich fliege.“

Es war wie in Namis Lieblingstraum. Komisch, hatte er nicht immer davon geträumt, und plötzlich war es auch so? – Ja, so ist das mit Träumen, wenn man auf sie hört.

Und sie flogen noch lange in dem weiten, eisigen Himmel. Sie rückten eng zueinander und sprachen nicht viel.

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DIE SCHATZSUCHE

CD2-01.a Die Schatzsuche

„Pooooahhh!“, riefen Nami und der Pinguin, als sie sich über die Truhe beugten. Die prächtigsten Edelsteine, die schönsten Perlen und die wertvollsten Goldmünzen funkelten ihnen entgegen.

Der Pinguin griff in die Schatztruhe und hängte sich so viele Goldketten wie möglich um den Hals.

„Steht dir gut“, meinte Nami anerkennend.

Und der Pinguin drückte mit den Flügeln den Deckel der Kiste zu, bis er krachend ins Schloss fiel. „Dann mal Abtransport! Die anderen werden staunen“, rief er und stemmte sich mit seinen Flügeln gegen die Truhe und stöhnte vor Anstrengung. Aber die Kiste bewegte sich keinen Millimeter. „Zu zweit geht’s besser“, sagte Nami und fasste die Truhe mit der Schnauze am Griff und zerrte, rückwärts gehend, die Kiste hinter sich her.

Der Pinguin half mit, indem er die Kiste nach vorne schubste und rhythmisch seinen Bauch und den Po einsetzte. Dabei hatte er einen großen Spaß und sang: „Hurra, Gold ist da.“

Es ging um eine Gletscherspalte herum und über eine kleine Schneekuppe. Doch als Nami für eine Sekunde den Griff der Schatztruhe aus dem Gebiss verlor, war das Unglück schon geschehen: Die Kiste kam ins Rutschen und glitt auf ein Eisloch zu, – der Pinguin schrie entsetzt auf. Aber Schreien hat noch nie geholfen. Nami hetzte der Kiste hinterher, konnte aber ihr weiteres Abrutschen nicht verhindern. Und beide sahen zu, wie die wertvolle Truhe mit einem Platscher im kaltblauen Wasser verschwand.

CD2-01.b Die Schatzsuche

In diesem Moment tauchte der Hubschrauber auf. Sobald er gelandet war, ging alles schnell: Die Pinguine wurden an Bord gebracht, dann Nami. Als letzter stieg der Forscher ein. Und schon war der Hubschrauber wieder in der Luft und schwebte davon, mitten ins schlechte Wetter hinein.

Schneewolken trieben über das Eis, als der Hubschrauber neben der Forschungsstation landete. Beim Aussteigen konnte man nur ein paar Meter weit sehen. Die Station schimmerte dunkel durch den Nebel.

Der Forscher schaufelte Schnee beiseite, bis er endlich die Tür aufbekam. Er dachte, dass bei dem Sauwetter kein Mensch einen Hund vor der Tür ließ und bat Nami herein, und mit Blick auf die sechs Pinguine sagte er: „Na, kommt auch rein.“

Dann waren alle in der guten Stube der Forschungsstation versammelt. Während der Forscher den alten Kanonenofen einheizte, fiel Namis Blick auf einen Zeitungsausschnitt in einem silbernen Bilderrahmen, eine Todesanzeige. Auf dem Bild der Todesanzeige war ein Polarforscher zu sehen, der neben Pinguinen stand. Sein Gesicht war vom Fell seiner Kapuze umrahmt, und an seinem Bart hingen kleine Eiszapfen.

Der Forscher legte einen Holzscheit ins Feuer und sagte: „Das war ein Freund von mir, verunglückt vor zwei Jahren. Er mochte auch gern Hunde, hat viel von Hunden erzählt, hatte wohl selbst einen. Er ist ein guter Mensch gewesen.“

Augenblicklich überfiel den Hund ein Weinkrampf, bittere Tränen quollen aus seinen Augen. Der Forscher wollte ihn noch trösten, da jagte der Hund zur Haustür hinaus. ‚Alleine sein‘, hämmerte es in seinen Kopf, ‚alleine sein‘, und er legte sich im Schneetreiben irgendwohin. Nami spürte nicht mal, wie kalt es war. ‚Er lebt nicht mehr, verunglückt vor zwei Jahren, deshalb konnte er nicht kommen und mich abholen‘, schlug ihm das Herz gegen den Hals. Wie grausam die Wahrheit sein kann. Und er heulte und zitterte vor Kälte und vor Trauer und lag da im Schnee, der in dicken Flocken auf ihn einschwebte und allmählich begrub.

Da kam der Pinguin zu ihm, stupste ihn mit seinen Watschelfüßen an und sagte still: „Steh auf! Du wirst krank, wenn du liegen bleibst.“

AUF DEM RÜCKWEG – DIE SCHIFFSPASSAGE NACH DEUTSCHALND

Wie Nami auf ein Schiff zurück nach Deutschland gelangte, wird man nie genau erfahren. Entweder ist er in Argentinien umgestiegen oder in Uruguay.

Die Überfahrt dauerte lange, es war ein älteres Schiff auf seiner letzten Reise. Tag ein, Tag aus ringsherum nur das Meer. Endloses Meer. Man konnte den ganzen Tag auf das Wasser schauen, Fische entdecken, springende Delphine, Wasserfontänen ausprustende Wale, fliegende Fische. Man konnte den ganzen Tag die Lichtreflexe der Sonne auf der Wasseroberfläche beobachten, und wenn man ganz genau hinsah, war es von Stunde zu Stunde ein anderes Schauspiel. Die Farben veränderten sich, die glitzernde Helligkeit des Lichts änderte sich. Das Meer nahm einen dunkelblauen, rötlich schimmernden Farbton an, bis es noch dunkelblauer wurde und die Sonne am Horizont als roter Ball im Meer versank. Sie versank natürlich nicht, weil sie 150 Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt ist, aber es sah so aus. Man konnte also mit Beobachtungen gut durch den Tag kommen. Das war der eine Teil der Wahrheit. Der andere war, dass man sich schrecklich langweilen konnte.

Immer öfters erging es Nami so, dass er sich langweilte. Auf der Suche nach einem Freund durchstreifte er das Schiff, und in der Nähe der Versorgungskammer entdeckte er eine Maus. Mäuse mochte er gerne. Im Tierheim war seine beste Freundin eine Maus gewesen. Man kam ins Gespräch, und es zeigte sich mal wieder, dass man mit Mäusen am besten über Käse redet. Die Gespräche in den nächsten Tagen taten der Maus gut, da auch sie gelangweilt war.

DIE GESCHICHTE VON NAMIS LIEBESABENTEUER

CD2-03. Die Geschichte von Namis Liebesabenteuer

Eines Abends erzählte Nami der Maus eine Geschichte. Eine Geschichte, die ihm nahe ging und die ihn beinahe stündlich aufwühlte, wenn er daran dachte, und er dachte stündlich daran. Denn die Geschichte war eine wahre Geschichte. Eigentlich wollte er sie in seinem Herzen einschließen, und niemand sollte davon erfahren. Jetzt aber, als er begann, sie zu erzählen, war er doch froh und erleichtert. Reden tut gut.

Was war passiert? Nami hatte sich verliebt, vor einigen Tagen beim Umsteigen in Argentinien oder Uruguay. Er irrte in einem Seehafen umher. Er fühlte sich allein, und viele Sorgen waren bei ihm. Zum Beispiel die Sorge um eine Schiffspassage heim nach Deutschland. Verliebt hatte er sich in eine Hündin mit wild zerzaustem Langhaar. Hunderasse unbekannt, aber das ist ja auch nicht wichtig.

Sie stand plötzlich vor ihm, umschmuste ihn, und seufzte: „ Oh, bist du süß.“ Wie schön sie war, noch immer klopfte Nami das Herz, wenn er an sie dachte. Sie sind tagelang herum gezogen, haben herum getollt, Verstecken gespielt, Fressen vergessen. Gibt es Schöneres als verliebt zu sein?

Im Park sich schupsen und sich über Wiesen wälzen, sich übers Maul schlecken, das war der Himmel auf Erden. Sie umsprang ihn mit fröhlichem Bellen, hüpfend und tänzelnd. Sie sprang ihn im vollen Lauf an, dass Nami zu Boden ging und einen Salto schlug.

Wie ihre Augen leuchteten und ihre feuchte Nase glänzte! Sie wollte Nami ihrem Rudel vorstellen, das waren freilaufende, wilde Hunde. „Sie werden dich mögen“, bellte sie, „ich muss sie fragen, warte hier auf mich“, rief sie im Davonlaufen.

***

Im Hafen wartete Nami Stunde um Stunde und hielt ungeduldig nach ihr Ausschau. Große Traurigkeit überfiel ihn, als er begreifen musste, dass sie nicht mehr kommen würde. Dabei war sie bereits auf dem Weg zu ihm. Seit sie von Nami getrennt wurde, dachte sie jede Minute an ihn und vermisste ihn sehr. Sie könnte sich selbst beißen vor lauter Wut. Warum hat sie auf ihr Rudel gehört? Warum hat sie Nami gehen lassen? Sie zitterte vor innerer Unruhe, dann gab es kein Halten mehr, zum Hafen, zum Hafen, zu Nami!

Sie war spät dran. Sie nahm den Bus, um schneller zu sein. Aber der Bus fuhr in die falsche Richtung. Als sie den Irrtum bemerkte, wechselte sie den Bus. Mit heraushängender Zunge erreichte sie den Hafen, als das Schiff mit Nami an Bord ablegte. Sie war um Sekunden zu spät. Enttäuscht und ratlos blickte sie dem Schiff hinterher, das allmählich in der Ferne verschwand. All das konnte Nami ja nicht ahnen. Manchmal entscheidet der Zufall über das Schicksal.

DIE BEGEGNUNG MIT DEM LUCHS

CD2-05. Die Begegnung mit dem Luchs

Es war 5 Uhr frühmorgens in der Stadt an den Alpen. Mit zaghaftem Licht begann die Nacht, sich in den Tag zu verwandeln. Noch herrschte Stille vor dem Ansturm des Tages. Ein Reinigungsfahrzeug der Stadtverwaltung fuhr im Schrittempo durch eine Straße der Altstadt und spritzte mit einem Wasserstrahl den Bürgersteig ab. Der Wasserstrahl erfasste einen Pappkarton, der durch den Wasserdruck gegen eine Laterne geschoben wurde und dann pitschnass war. Der Deckel hob sich, und die Schnauze von Nami erschien.

Er hüpfte aus dem Karton, in dem er die Nacht zugebracht hatte und schüttelte sich das Wasser aus dem Fell. Schöner Schreck in der Morgenstunde. Doch der zweite Schreck folgte sogleich. Vor Nami stand plötzlich ein junger, weißer Luchs. Nami traute seinen Augen nicht. “Träum ich, obwohl ich wach bin? Ein Luchs?“

„Klar ein Luchs“, sagte der weiße Luchs, der offensichtlich sehr stolz auf sich war, „sieht doch jeder“.

Nami blickte sich ängstlich um, ob jemand sie sehen konnte. „Spinnst du?“, bellte er aufgeregt, „Du kannst hier nicht einfach herumspazieren!“

„Und wieso nicht?“, fauchte der weiße Luchs.

„Zu gefährlich“. Nami nahm sich vor, ruhig zu bleiben. Aber ob es gelingt, weiß man nie.

 

DER BESUCH IM ZOO MIT DEM LUCHS

CD2-06. Der Besuch im Zoo

Sie gingen durch das Eingangstor, auf dem die Aufschrift ‚ZOO‘ zu lesen war. Der weiße Luchs musterte all die Tiere, sprach nicht viel und achtete darauf, dass sein Jagdinstinkt nicht mit ihm durchging.

Als sie vor dem Gehege der Luchse ankamen, betrachtete der weiße Luchs die Gitterstäbe, lief vor dem Gitter auf und ab und suchte den Eingang, um zu den Luchsen zu gelangen. „Habt ihr etwa Angst? Spielt ihr hier Verstecken?“, fragte er.

„Wir verstecken uns nicht“, sagte ein alter Luchs mit gelangweilter Stimme, der faul in einer Ecke lag.

„Dann macht keinen Quatsch und kommt raus!“, fauchte der weiße Luchs und lief weiter an den Gitterstäben entlang, während die Luchse auf der anderen Seite ihm folgten. “Wie denn?“, fragte einer von ihnen.

„Dann komm ich halt rein.“, entschied der weiße Luchs.

“Du kommst nicht rein, weil wir nicht rauskommen.“, belehrte ihn ein Luchs, der seine Schnauze durch die Gitter zwängte.

Als der weiße Luchs verstand, dass die Luchse hier im Zoo wie in einem Gefängnis lebten, fragte er listig: „Schön habt ihr es hier. Gefällt es euch?

“Nein“, sagten die Luchse, alle gleichzeitig.

„Ja, aber, wie …“, der weiße Luchs konnte einfach nicht mehr klar denken, „wie haltet ihr das aus?

„Wir warten auf den Abend, und dann warten wir auf den Morgen.“ Das war die ganze Antwort.

“Und weiter?“

“Nichts weiter“, sagte der alte Luchs, der faul in der Ecke lag und dicht ans Gitter kam, dass man deutlich seine müden Augen sehen konnte.

„Was unternehmt ihr denn?“, schrie der weiße Luchs.

“Nichts, wir bleiben hier.“

WIEDERSEHEN MIT DEM ADLER

CD2-07. Wiedersehen mit dem Adler

Die Schneeberge leuchteten in der Ferne, und die beiden zogen stetig höher über Wiesen und Almen. “Wäre schön, hier zu leben“, schwärmte der weiße Luchs.

Da hörten sie einen Aufschrei aus der Luft: „Hey, hey, Nami“. Und ein Adler stürzte sich vom Himmel herab, umflog Nami in voller Spannweite und schrie: „Kennst du mich noch? Ich bin es! Der Freund vom Zirkuspferd“, und er krächzte das Lied zu Erinnerung: „Bin Clown, bin abgehauen, aus dem Zirkuszelt, bringe Lachen auf die Welt.“ Nach dem Lied rief er: „Da lebe ich immer noch, auf dem Bauernhof, bei all meinen Freunden.“

„Dann geht es dir ja richtig gut“, fand Nami. – „Leider nein“, sagte der Adler betrübt und landete. Die Wiedersehensfreude wich aus seinem Gesicht: „Ich bin verliebt“.

Nami wunderte sich: „Warum so traurig? Freu dich doch! –  „Aber sie weiß es nicht!“, jammerte der Adler und schien zu hoffen, dass Nami seinen ganzen Kummer versteht.  „Sag mir, was ich machen soll“.

„Rede mit ihr“, rief der weiße Luchs und sprang auf den Adler zu. „Oder hast du Angst vor ihr?“

Der Adler trippelte nervös von einem Bein aufs andere und breitete seine mächtigen Flügel aus, wie Adler es tun, wenn sie angreifen. „Ich bin ein Adler und habe nie Angst!“, fauchte er.

„Nicht streiten! Ich hab´s“, sagte Nami. „Mach ihr Komplimente.“

„Die mögen das“, grinste der weiße Luchs, dass seine spitzen Zähne aufblitzten.

„Gute Idee, das will ich versuchen“, mit diesen Worten erhob sich der Adler in die Luft. „Danke Freunde“. Plötzlich unterbrach er seinen Flug, kehrte zurück und umflog Nami und den Luchs: „Was für ein Kompliment? Was soll ich denn sagen?“

„Was dir an ihr gefällt“, schlug Nami vor.

„Was mir an ihr gefällt? Alles“. Und im Wegfliegen jubelte der Adler sein Glück in die Welt hinaus. „Alles. Alles!“ Und mit schnellen Flügelschlägen entfernte sich der Adler in den blauen Himmel, bis man ihn bald nicht mehr erkennen konnte.

DIE GRUPPE DER LUCHSE

CD2-08. Die Gruppe der Luchse

Nami und der weiße Luchs blickten ihm nach und setzten dann ihren Weg fort. Plötzlich stand ein großer Luchs vor ihnen, und im Dickicht lauerten weitere Luchse im Gebüsch, man sah die gelb leuchtende Augenpaare und die Pinselohren.

„Hallo“, sagte der große Luchs in einem gefährlich freundlichen Ton, „machen wir hier einen kleinen Spaziergang? Ein bisschen frische Luft schnappen?“

„Wir sind schon seit einem Tag unterwegs“, erzählte der weiße Luchs und war sichtlich um gute Stimmung bemüht. „Das wissen wir längst“, gab der große Luchs von sich. „Wo soll’s denn hingehen?

„Zu euch. Um bei euch zu bleiben.“, rief der weiße Luchs und konnte seine Aufregung nicht verbergen. „Soso. Ihr beide?“ Der große Luchs deutete mit dem Kopf auf Nami:  „Der auch?“

Nami schüttelte den Kopf und erklärte, dass sein Luchsfreund eine neue Heimat sucht.  „Bedauerlicherweise kennen wir ihn nicht“, sagte der große Luchs und verzog dabei keine Miene. Diesen Einwand betrachtete der weiße Luchs als Aufforderung, sich vorzustellen. „Ich heiße Luchs und …“

„Wir sind fünf und wollen nicht sechs sein“, unterbrach ihn der große Luchs.

„Aber…“, der weiße Luchs rang nach Luft, so empört war er.

„Kein Aber!“, bestimmte der große Luchs.

Der weiße Luchs verstand, dass er nicht willkommen war. Tränen traten aus seinen Augen. „Und so einen sollten wir aufnehmen, einen, der weint“, lästerte der große Luchs und schien kein Erbarmen zu haben.

„Kannst du dir nicht vorstellen, wie schlecht es mir geht, wenn ich nicht weiß, wohin ich soll und allein bin“, rief der weiße Luchs und kämpfte weiter mit seinen Tränen.

„Über sowas reden wir nicht“, beschied der große Luchs und war in dem kurzen Moment, in dem sich Nami und der weiße Luchs erstaunt und entsetzt anblickten, verschwunden.

***

Unter Latschenkiefern haben Nami und der weiße Luchs einen Platz für die Nacht gefunden. In der Ferne sah man ein kleines Bergdorf. Es wurde dunkel, die ersten Sterne funkelten. Der weiße Luchs hielt die Lippen fest gepresst, sein Blick lag in der Ferne. Auch Nami schwieg. Manchmal ist es besser, man schweigt einfach mit, wenn man trösten will und nicht weiß, was man sagen soll.

„Das Schlimmste ist die Schande“, sagte schließlich der weiße Luchs still.

„Welche Schande?“, fragte Nami.

„Weil ich geweint habe.“

„Und was soll daran so schlimm sein?“, wunderte sich Nami.

„Weil wir nie weinen“, stammelte der weiße Luchs, „weil wir Luchse nie sagen, wie es uns geht. Uns geht´s immer gut!“

„Wir werden so lange suchen, bis wir Luchse gefunden haben, die dich aufnehmen“, versprach Nami, um den weißen Luchs zu trösten.

Dem weißen Luchs fielen die Augen zu, und er schlief mit zartem Schnarchen ein, so müde war er vor lauter Kummer. Irgendwas bedrückte das Rudel des großen Luchs, vermutete Nami, der ein gutes Gespür für Stimmungen hatte. Und was es war, wollte er herausfinden.

ADLER UND SCHAFE

CD2-10. Adler und Schafe

In diesem Moment landete der Adler, und Nami fragte neugierig: „Darf man gratulieren? Hast du ihr Komplimente gemacht?“ Verlegen scharrte der Adler mit einem Fuß in der Erde und schüttelte betrübt den Kopf.

Dann hüpfte er aufgeregt am Boden herum: „Und als ich sie vor mir sah, Nami, gingen plötzlich meine Beine nicht mehr. Und als ich zu ihr hinfliegen wollte, kuck mal, bewegten sich meine Flügel nicht. Und mein Herz war laut, dass sie es bestimmt gehört hat“.

Nami wollte etwas sagen, kam aber gegen den Redefluss des Adlers nicht an. „Luft bekam ich auch keine, und dann wollte ich „Hallo“ rufen. Ging auch nicht. Ich mach’s dir mal vor“. Der Adler machte ein krächzendes Geräusch. „Kkrrcchh, kkrrcchh. Mehr kam nicht raus“, seufzte er, mit sich selbst unzufrieden.

„Ich würde ihr verliebt übers Gesicht schlecken. Basta.“ Der weiße Luchs sprang auf den Adler zu, der wiederum in Angriffshaltung auf ihn losstürmte: „Hab ich dir nicht gesagt, halt dich da raus!“

„Nicht streiten!“, bestimmte Nami und sagte zum Adler: „Wir suchen Schafe“.

 

DAS RENNPFERD

CD2-12. Das Rennpferd

Und bei seinem letzten Ausbruch hatte das Rennpferd die hölzerne Stalltür zerschlagen, mit den Hinterbeinen so lange und so heftig ausgeschlagen, dass sie aus den Angeln flog. Dabei hatte es getobt: „Lasst mich leben, wie ich will. Und wo ich will!“ Und so schnell es konnte, lief es zum Bauernhof zurück und schmuste seine Freunde ab: „Da bin ich wieder, endlich daheim“. Aber das Glück währte nicht lange, das Rennpferd wurde wieder abgeholt und wieder eingesperrt,  und ab da wollte es nichts mehr essen und nichts mehr trinken.

Der herbeigerufene Tierarzt konnte aber keine Krankheit finden und sagte: „Das Pferd ist gesund.“ – „Aber es will nichts fressen“, entgegnete der Mann, der Pferde kauft.

Der Tierarzt blickte in die Augen des Rennpferdes und meinte: „Auf mich macht es einen traurigen Eindruck. Das Pferd muss wieder zurück in seine vertraute Umgebung.“

Als der Mann bestimmte: „Kommt überhaupt nicht in Frage“, ist der Tierarzt einfach weggegangen, ohne sich zu verabschieden. Und der Mann, der Pferde kauft, hat ein Gittertor aus Eisen anbringen lassen anstelle der Holztür, die das Pferd zerschlagen hatte.

***

Mondlicht schien durch das Stallfenster herein. Das Rennpferd stand allein im Stall und machte ein trauriges Gesicht. Hatte das Zirkuspferd nicht gesagt, dass Balancieren mit dem Ball Freude macht? Besonders wenn man traurig ist, erinnerte sich das Rennpferd und schaffte sogleich mehrere Kopfbälle mit einer leeren Dose und wieherte dabei vor Freude.

Ein Schimmel kam vor die Gittertür, ein Pferd, das frei herumlaufen durfte. „Du bist mir ja ein feines Rennpferd“, machte er sich lustig, „das nicht trainieren und laufen will.“ Das Rennpferd blies seine Nüstern auf und ließ seinem Zorn und seiner Angst freien Lauf: „Weil ich nach Hause will. Da bin ich geboren, da sind meine Freunde, und wir sind eine Familie. Und wenn…“, wieherte das Rennpferd noch mehr vor Zorn und vor Angst, „und wenn ich woanders sein soll, dann nur, wenn ich es will.“

 

DER ROTE LASTER

CD2-13.a Der rote Laster

Nami lief ein paar hundert Meter weit durch den Tannenwald, da sah er ihn, seinen besten Freund, dem seine ganze Sehnsucht galt. Er sah ihn zwischen den Bäumen, wie er Tannenbäume auf einen roten Laster lud. Nami sprintete sofort los, da fiel die Fahrertür mit lautem Scheppern ins Schloss, und der Motor des roten Lasters startete. Der alte Klapperlaster fuhr los, Nami hetzte hinterher und war fast heran. Aber schneller als man kann, geht nicht, der rote Laster war bald weit weg, und man hörte den lärmenden Motor nicht mehr. Nami gab auf, die Pfoten bluteten, sein Herzschlag donnerte in seinem Kopf.

***

Nach dem langen Abschied von seinen Freunden auf dem Bauernhof, begann die Suche in der Stadt an den Alpen. Es vergingen viele Tage. Die Suche war anstrengend, es ging in die Knochen, tausend Gerüche, tausend Menschen, tausend Gesichter. Hoffnung am Morgen, Enttäuschung am Abend.

 

DER JUNGE IN DER STADT AN DEN ALPEN

CD2-14. Der Junge in der Stadt an den Alpen

Und so lief Nami mit dem Bamm ausgelassen über das Eis, und beide vergaßen die Zeit. Rennen, Anlauf nehmen und schliddern, auch mal hinfallen, auch mal Popo rutschen, fröhliches Lachen, fröhliches Bellen.

Dann ein Knall, ein Schrei von Bamm, das Eis splitterte mit lautem Krachen, und Bamm brach ins eiskalte Wasser ein. Nami erwischte ihn in letzter Sekunde am Kragen, der Junge schlug wild um sich, so dass er Namis Maul entglitt. Mehrfach schnappte Nami in höchster Not nach ihm und schaffte es endlich, den Jungen aus dem Wasser zu ziehen.

Sofort kamen die Eltern herbei geeilt. Sie waren ängstlich und überglücklich zugleich. Sie nahmen ihren Jungen in die Arme, wickelten ihn in einen Mantel und trugen ihn davon. Zum Abschied lächelte er Nami zu, mit so einem frechen Grinsen, dass es dem Hund ganz warm ums Herz wurde.

 

WIEDERSEHEN MIT DEM BESTEN FREUND

CD2-15. Wiedersehen mit dem besten Freund

Ausschlafen, aufstehen, Bamm übers Gesicht schlecken, mit einem ‚Leb wohl‘ auf den Lippen, hinaus aus dem Haus. Auf ging es zum nächsten Weihnachtsmarkt, Hoffnung am Morgen –  und Nami war noch nicht richtig am Weihnachtsmarkt angekommen, da schlug ihm das Herz bis zum Hals.

Er sah den roten Laster nicht, die Tannenbäume nicht, er hatte noch nicht mal den Geruch in der Nase, den Geruch vom roten Laster, von den Tannenbäumen und auch von ihm, seinem besten Freund, nicht, und doch flog der Gedanke wie ein Stromschlag heftig durch seinen Körper: Ich habe ihn gefunden. Ich bin bei ihm!

Er jaulte auf, ein Schrei, wie es noch niemand auf der Welt von einem Hund gehört hatte, er winselte, er umsprang sich selbst, er bellte die Trauer des Abschieds, die Einsamkeit der zwei Jahre im Tierheim, die Wut auf das Schicksal, die Anspannung der Suche, die Wucht des Glücksgefühls aus sich heraus. Und seine Stimme überschlug sich.

Ein paar Schritte, und da sah er ihn, seine gute Statur, sein gutes Gesicht, kaum älter geworden, aber beim zweiten Hinsehen sah er die leicht krumme Haltung. Die Körpersprache des Mannes zeigte eine Unzufriedenheit, es war kein Feuer und wenig Lebensfreude. Alles erschien normal praktisch: Weihnachtsbäume ausrufen, Preise auf einer Tafel notieren, Tannen zusammenbinden, Geld einstecken.

Das Gefühl der Liebe brannte in Nami auf. Er besann sich auf Ruhe und schlich auf leisen Pfoten zu ihm hin, setzte sich neben ihn und gab kein Laut von sich.

 

DER WEG INS GLÜCK

CD2-16. Der Weg ins Glück

Sie gingen dann weiter. Ab und an streichelte  der beste Freund seinen Hund und kraulte ihm die Ohren, wie er es früher immer getan hat. Im Gehen schwiegen sie die meiste Zeit und warfen sich liebevolle Blicke zu.

Als die Dunkelheit hereinkam, liefen sie durch ein Dorf am Ende der Moorlandschaft mit den vielen Heuschobern. Sterne leuchteten ihnen den Weg.

Die Fenster der Höfe waren von Kerzenschein erleuchtet. Feierliche Musik wehte zu ihnen herüber. Es war Heilig Abend, der 24. Dezember. Sie hörten ein weihnachtliches Lied über ewige Liebe und summten und sangen das Lied mit, während sie über weite Wege zu den Bergen gingen, in denen Hütten mit ruhigen schweren Räumen standen, die die ganze Zeit auf sie gewartet haben.

Ach, Ihr glaubt nicht, dass Hunde singen können? Doch, wenn sie ganz besonders glücklich sind.

ENDE

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